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Reise- und Besuchsbericht - Kenia Oktober 2004

Christine Rauhut
Nach meinem Patenkinderbesuch in Vietnam im Februar 2004 hatte ich, zusammen mit zwei anderen Paten, die Gelegenheit in den ersten beiden Oktoberwochen mehrere Tage in den von Harambee Kwa Watoto betreuten Schulen, der Kwa Watoto Primary School und der St. Mathew Secondary School in den Slums am Rande von Nairobi zu verbringen - und dabei natürlich auch meine eigenen Patenkinder Esther, Kelvin, Mary und Molly kennenzulernen.
Nachdem Sandra und ich am Abend des 1. Oktober nach einem angenehmen Non-Stop-Flug von Brüssel aus in Nairobi angekommen und ohne Probleme mit unseren 76 kg Gepäck durch den Zoll gekommen waren, wurden wir vom dritten Paten (Claus), der bereits zuvor einige Tage in Kenia verbracht hatte, am Flughafen abgeholt. Zusammen ging's dann mit dem Taxi zum Hotel in der Stadtmitte, wo wir noch schnell ausgepackt und etwas gegessen haben.
Am nächsten Tag wurden wir dann am Vormittag von Nehemiah Ndeta, dem Schuldirektor beider Schulen, abgeholt und dann ging es durch die Stadt mit ihrem chaotischen Verkehr an den östlichen Stadtrand von Nairobi, wo sich die Kwa Watoto Primary School im Slum von Soweto befindet. Nachdem wir aus der eigentlichen Stadt herausgefahren waren, wurde die Gegend schlagartig ärmer, die Gebäude baufälliger, die Straße schlechter - und es ging immer noch weiter. Nach gut 15 km waren wir in Soweto angekommen - die Schule liegt selber mitten im Slum - befestigte Straßen gibt es hier nicht mehr - die Piste ähnelte mit ihren Schlaglöchern mehr einer Fahrt auf dem Mond - schneller als im Schritttempo konnte gar nicht mehr gefahren werden - trotzdem setze der Wagen noch häufiger auf!
Dann endlich waren wir auf dem Schulgelände - die Schule selber besteht aus einer Ansammlung von kleinen Wellblech- und Steinhütten und einem kleinen Schulhof. Sofort war unser Auto von Kindern umringt - wir konnten noch gerade aussteigen. Einige der Kinder waren noch relativ schüchtern - andere konnten uns gar nicht nah genug kommen, um uns anzufassen, zu überprüfen, ob wir wirklich so hellhäutig sind bzw. ob wir "abfärben" würden.
Sandra hatte in dem Pulk der Kinder recht schnell ihr Patenkind Frederick erkannt und war daraufhin für die Welt nicht mehr ansprechbar. Dann war es auch für mich soweit - zwei ältere Mädchen kamen strahlend auf mich zu: Mary und Esther begrüßten mich voller Freude - eine Umarmung nach der anderen folgte. Gleichzeitig fingen beide auch an sofort zu erzählen und Fragen zu stellen - meine vorherige Nervosität war wie weggeblasen!
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Kurze Zeit später standen dann auch Molly und Kelvin - meine beiden Patenkinder aus der 8. Klasse neben mir - Kelvin war zunächst sehr schüchtern, Molly im Gegensatz zu Esther und Mary bereits sehr ernst. Man merkte gerade ihr an, dass sie schon vieles Schweres durchgemacht hatte. Nachdem ich auch Molly und Kelvin begrüßt hatte, konnte ich allen Vieren meine kleinen Geschenke übergeben. Alle Vier haben sich sehr gefreut - Mary musste sich ein wenig länger gedulden, da ihr Geschenk zuerst nicht auffindbar war.
Die nächste Zeit habe ich dann damit verbracht, Carolyne, die Frau des Schulleiters und einige der Lehrer kennen zu lernen - und mich immer wieder mit vielen, vielen Kindern beschäftigt - da insgesamt gut 550 Kinder auf die Schule gehen, kein Wunder, oder? Natürlich habe ich auch die Zeit genutzt, um immer wieder Kinder von ihren Paten in Deutschland zu grüßen und auch die ersten Briefe und kleine Geschenke zu übergeben. Zwischendurch konnte ich natürlich auch immer wieder kurz mit meinen eigenen Patenkindern sprechen! Am Ende des Schultages hatte Claus dann damit begonnen, auf dem Schulhof mit den Kindern zu spielen - eines der Spiele "Car and Driver", das bald nur noch überall "Red, Yellow, Green" hieß, sollte sich in den nächsten Tagen noch zum absoluten Renner entwickeln.
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Da am nächsten Tag (Sonntag) keine Schule war, haben wir diesen zunächst bei der Familie des Schulleiters verbracht. Am Nachmittag machten wir dann einen kleinen Lebensmittelladen unsicher und kauften für verschiedene Patenfamilien Grundnahrungsmittel für ein paar Dollar ein. Zuerst fahren wir dann zum Lambert House, einem Boarding House für circa 20 Kinder und Jugendliche, die aus den verschiedenen Gründen nicht bei ihren Familien oder Verwandten leben Hierzu gehört auch mein Patenkind Mary. Ihre Mutter schafft es nicht, für ihren Bruder und Mary zusammen zu sorgen - deshalb lebt Mary jetzt seit einiger Zeit im Lambert House. Nachdem die anderen sich das Lambert House angeschaut und mit einigen der Kinder und Jugendlichen gesprochen hatten, haben sie sich auf den Weg zu den Familien ihrer Patenkinder und zu der zweier anderer Paten aufgemacht. So konnte ich einige Zeit mit Mary verbringen. Zuerst einmal hat mir Mary den Schlafsaal der Mädchen und dort ihr Bett mit ihren Habseligkeiten gezeigt. Für Mary war es sehr wichtig, auch einmal allein mit mir sein zu können - alle anderen Mitbewohnerinnen wurden von ihr erst einmal aus dem Zimmer geschickt. Mary hat mir all ihre Sachen gezeigt - meine Briefe und Fotos werden in einer kleinen Kiste aufbewahrt und ich konnte deutlich erkennen, dass sie schon viele Male angeschaut bzw. gelesen waren! Im Laufe unserer Unterhaltung kamen dann immer wieder anderen Kinder und Jugendliche ins Zimmer - viele hatten etwas zu erzählen, andere wollten erst einmal nur schauen - es hat wirklich Spaß gemacht! Nach einiger Zeit hat mich Mary selber noch einmal durchs Haus, das aus einem Schlafraum für die Mädchen, zwei kleinen Schlafräumen für die Jungen, einem Zimmer für die Hauseltern, einem kleinen als Küche genutzten Raum und einem Zimmer mit einem großen Tisch und Stühlen, in dem gegessen, gearbeitet und gewohnt wird, geführt. Am Ende unseres kleinen Rundganges blieben wir im Gemeinschaftsraum. Dort lernten gerade die älteren Schüler eifrig - schließlich war es zum Besuchszeitpunkt nur noch einen Monat bis zu den Abschlussprüfungen. Ich habe mir einige der Aufgaben angeschaut - einiges war leicht verständlich, andere Fragen, z. B. in Bezug auf den afrikanischen Erdkundeunterricht brachten mich eher zum Verzweifeln - die Mathematikaufgaben waren genauso unverständlich wie in Deutschland !!! Irgendwann kamen dann die anderen wieder und wir mussten wieder los - die Zeit ist wie im Fluge vergangen!
Am darauf folgenden Montag waren wir alle den ganzen Tag über in der Kwa Watoto Primary School - an diesem Tag haben wir mit allen Klassen und insbesondere auch mit allen anwesenden Patenkindern von Harambee Kwa Watoto (zum damaligen Zeitpunkt schon über 100 Kinder) in dieser Schule gespielt und sie fotografiert. Das "Rot-Gelb-Grün"-Spiel vom Samstag wurde hier von den Schülern fast aller Klassen mit wachsender Begeisterung gespielt - je nach Alter haben wir dann verschiedene Schwierigkeitsgrade gewählt. Meine Kamera lief schon fast heiß - so viele Fotos habe ich geknipst. Neben den Spielen wurden dann auch noch die von den Paten im Textbook Centre in Nairobi im Rahmen einer Sammelbestellung bestellten Schulsets für die Patenkinder übergeben, genauso wie weitere Briefe und Einwegkameras von den Paten. Als Höhepunkt des Tages gab es ein einfaches kleines Mittagessen - jedes Kind bekam drei Scheiben Weißbrot und ein kleines Päckchen Milch - ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie sehr die Kinder sich gefreut haben!
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Am 5. Oktober waren wir dann auch in der St. Mathew Secondary School. Einige der Jugendlichen aus dem Lambert House erkannten mich sofort wieder und unterhielten sich freudig mit mir. Ansonsten herrschte hier eine ruhigere, aber trotzdem ebenfalls freundliche Atmosphäre. Nachdem wir erst einmal einigen Lehrern und der Schulsekretärin vorgestellt worden waren, haben Sandra und ich die Zeit genutzt, uns zwei verschiedene Unterrichtsstunden anzuschauen - einmal den Englischunterricht der 9. und zum anderen den Literaturunterricht der 11. Klasse. Die Grammatikkenntnisse der Schüler der 9. Klasse waren doch noch erschreckend schwach - demgegenüber machte die Diskussionsfreude der 11-Klässler im Literaturunterricht schon einen ganz anderen Eindruck - hier ging es richtig zur Sache! In der großen Mittagspause habe ich dann an die Patenkinder Briefe und Kleinigkeiten von ihren Paten verteilt - worüber sich alle sehr gefreut haben. Danach ging auch hier das Fotografieren los, auch gut 30 Patenkinder müssen erst einmal unter über 350 Schülerinnen und Schülern gefunden werden... Die restliche Zeit verbrachte ich dann mit verschiedenen Jugendlichen, immer in angeregter Unterhaltung.
Am Dienstag hatten Claus und ich einen Termin an der Kenyatta University, die zwischen Nairobi und Thika liegt. Dort hatte Claus im Internet über den Hospitality Club einen Mitarbeiter kennen gelernt, der sich gern mit uns treffen wollte. Gesagt - getan - mit dem Taxi ging es, aufgrund der leicht verspäteten Aufstehzeit zur Matatu-Abfahrstelle - hierbei handelt es sich um eine Art Busbahnhof für Kleinbusse (9 bis x Personen). Wir haben auch sofort einen Kleinbus mit der richtigen Nummer erwischt und dann ging es auch schon los, stadtauswärts in Richtung Thika. An der Universität stiegen wir dann aus und gingen erst einmal suchend über den großzügigen Campus. Nachdem wir zwei Studenten gesagt hatten, wo wir hinwollten, haben wir James auch gefunden. James hat sich dann länger mit Claus über seine Arbeit unterhalten - die Leser mögen verstehen, dass ich, da ich meistens nur Bahnhof verstanden habe, mich hierzu nicht großartig äußern kann - irgendwann wurde es aber auch für mich sehr interessant! James zeigte uns nämlich sogenannte Education Kits - hierbei handelt es sich um Zusammenstellungen von Materialien für die in der Secondary School in den einzelnen Bereichen der Physik notwendigen Versuche (hergestellt von den Studenten). Zu jedem der Education Kits gehören neben den vollständigen Materialien auch Anleitungen zu allen Versuchen. Wir waren beide begeistert, da in St. Mathew gerade im Bereich der Naturwissenschaften noch so viel fehlt. Wir entschieden uns eines der drei Education Kids zu kaufen - für die anderen beiden reichte unser Geld dann leider nicht mehr. James versprach, am kommenden Montag nach St. Mathew zu kommen und das Education Kit den Schülern und Lehrern vorzustellen. Nach diesem unerwarteten Kauf zeigte uns James noch das Gelände der Universität, einschließlich der Wohnheime und der Mensen. In einer Mensa hatten wir dann auch noch Gelegenheit uns mit einigen Studentinnen etwas zu unterhalten. Insgesamt haben wir bei diesem Besuch viele Neuigkeiten erfahren, auch hinsichtlich der Kosten, der Studienmöglichkeiten, der Möglichkeit der Gewährung von Stipendien - alles in allem war es ein sehr informativer Tag. Die Rückfahrt per Matatu verlief genauso problemlos wie die Hinfahrt - den restlichen Nachmittag in Nairobi nutzten Claus und ich zum großen Bucheinkauf im Textbook Centre für die Patenkinder von Harambee Kwa Watoto, so dass wir irgendwann froh waren, wieder im Hotel zu sein.
Vom 7. bis 10. Oktober haben wir dann zu Dritt eine Safari in die Masai Mara unternommen - zusammen mit zwei Pärchen aus England bzw. Marokko haben wir einige tolle Tage dort verbracht - und auch viele, viele Tiere gesehen!
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Der 11. Oktober war eigentlich ein Feiertag in Kenia - ich hatte schon ein wenig Panik, ob alles mit der Übergabe des Education Kits klappen würde. Aber alles lief problemlos. In den Schulen gab es an diesem Tag keinen Unterricht, so dass nur die Patenkinder anwesend waren - da diese am Feiertag nicht ihre Schuluniform trugen, hatte ich schon wieder größere Probleme, die Jugendlichen auseinander zu halten! Die Leute von der Universität kamen pünktlich - und sie zeigten den Schülern nicht nur, welche Materialien ihnen ab jetzt zur Verfügung standen, sondern es wurde auch gleich ein Versuch vorgeführt!
Davor und danach führten wir einige Spiele mit den Jugendlichen durch, verteilten auch hier die ersten Schulsets und die von den Paten bestellten und vor der Safari im Textbook Centre gekauften Bücher, meine Kamera lief auch hier wieder zur Höchstform auf!
Der nächste Tag war dann für mich ein absolut wunderschöner, gelungener Tag - zusammen mit der Familie des Schulleiters und den Patenkindern von uns drei Paten verbrachten wir einen ganzen Tag in einem kleinen Freizeitpark namens Lost Paradise, circa 20 km nördlich von Nairobi. Bei diesem Park handelt es sich um eine Mischung aus einer Art Spielplatz mit einem kleinen Freizeitpark - für uns und die Kinder einfach nur ideal - es gab einen Picknickplatz, an dem man selbst mitgebrachte Dinge verzehren konnte, eine Höhle mit Wasserfall, einen See auf dem man Boot fahren konnte, Schaukeln, eine Hüpfburg, Strauße zum Füttern und Dromedare, auf denen wir reiten durften (mussten ???). Die Kinder und wir waren alle total begeistert. Ich habe Zeit und Muße gefunden, meinen Patenkindern näher zu kommen - es war einfach nur fantastisch!!! Die Stunden hier werden mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben!
Schon war der letzte Tag der Reise angebrochen - an diesem hatten wir noch einmal wirklich viel zu tun - zuerst waren wir nochmals im Text Book Centre, da wir hier von den erhaltenen Spendengeldern noch Schulbücher für die St. Mathew Secondary School kaufen mussten - auch fehlten noch einige andere Dinge.
Zuerst sind wir dann in die Kwa Watoto Primary School gefahren - dort haben wird dann die Bücher für die Patenkinder (die ja bereits vor der Safari gekauft worden sind!) verteilt. Ich war dann weiter noch im zweiten Boarding House von Kwa Watoto, dem Warm Hearts House, und habe dort zugeschaut, wie die bestellten Uniformen genäht und die dazugehörigen Pullover mit der Strickmaschine gestrickt worden sind.
Danach ging's nach St. Mathew, wo die restlichen Schulsachen verteilt worden sind. Zur Mittagszeit gab es auch hier ein kleines Mittagessen - für jeden Schüler gab es wiederum 3 Scheiben Weißbrot und ein Getränk. Auch hier war die Begeisterung groß - und ich war wieder sehr erstaunt, mit wie wenig man so viele Jugendliche in Kenia glücklich machen kann.
Dann musste ich durch die einzelnen Klassen gehen - immer wieder kamen Schülerinnen und Schüler auf mich zu, die sich noch mit mir unterhalten, die etwas mit mir besprechen bzw. die mir etwas für ihren Paten ausrichten wollten. Zu dieser Zeit habe ich in der Schule auch ein mir bis dahin noch vollkommen fremdes Mädchen kennen gelernt - Abdia hatte sich beim Mittagessen irgendwann ein Herz gefasst und mich angesprochen - danach haben wir uns mehr oder weniger die ganze Zeit, in der ich noch in der Schule war, immer wieder unterhalten - Abdia wich mir nicht mehr von der Seite - das lief wirklich unter dem Motto "Gesucht-gefunden"! Irgendwann mussten wir uns dann endgültig in St. Mathew von allen verabschieden - und es ging weiter in Richtung Kwa Watoto - bevor ich mich hier mit meinen Patenkindern beschäftigen konnte, gab es noch einige organisatorische Dinge zu tun, wie ein Besuch beim Tischler, der gerade unsere Bestellung für einige neue Schulbänke abarbeitete bzw. beim Schuhmacher, der die Schuhe für die Schüler anfertigt. Dann konnte ich mich endlich in Ruhe von meinen Patenkinder verabschieden - ich war zum Glück viel zu fertig, um richtig traurig zu sein! Das kam dann erst etwas später...! Eines weiß ich schon jetzt: Das war mit Sicherheit nicht meine letzte Reise nach Kenia!
PS: Nachdem ich wieder in Deutschland war, habe ich noch einige Tage überlegt - und dann die Patenschaft für Abdia übernommen!!!


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